Vom Schürfen in der Tiefe

Myk's Kolumne im Gothic Magazin

N° 75 Von Hobbits und EBMlern

N° 74 Der Letzte Abend

N° 73 Das Zwischenfall – ein persönlicher Rückblick Zwischenfall Bochum Rückblick

N° 72 Das WGT wirft seinen Schatten voraus und zurück

N° 71 Notizen aus dem März 2011

N° 70 Die kleinen Späßchen des Lieben Gottes

N° 69 Für Rockstars ist die Welt grau geworden

N° 68 Die Andere Seite

N° 66 Schwarz sind wir – und ein bisschen Gelb

65 Eine finstere Wahrheit

64 Sex und Dusternis

63 Die Dekade der Originale – und die der Epigonen

61 Die kurzen Momente von Wahn

60 Der Mythos der nicht zu Ende erzählten Geschichten

59 Die Klagen des DJ: Nichts ist mehr von Belang

58 Nicht einer strebt nicht nach Erfolg!

56 Von der Angst, anders zu sein als erwartet

N°55 Gedanken eines Grüblerischen in der Tiefe der Gotischen Nacht

N° 54 Wie seid ihr eigentlich in die Indie-Szene gekommen?

N° 53 Zerrissenheit. Fahrigkeit. Rastlosigkeit: Der Verleger

N° 52 Zenith Is Decline

N° 51 Gothics on the beach

N° 50 Nichts bleibt

 

 

 

N° 55 Gedanken eines Grüblerischen in der Tiefe der Gotischen Nacht (Auszug)


Nach Monaten der selbstauferlegten Abkapselung und Indie-Enthaltsamkeit, in denen ich vornehmlich im stillen Kämmerchen hockte und gar artige Verse zu Monitor brachte, hielt ich es vor einiger Zeit nicht mehr aus; und es trieb mich dorthin, wohin es mich in gebührenden Intervallen immer wieder treibt: In einen der Schwarzen Tanztempel des Underground, um ein weiteres Mal den Odem echter Schwarzkultur in mich aufzusaugen; und ab ging es Richtung Gothic Industrial Party zu Essen. Es war, um's vorweg zu sagen, keine der schillernden, schweißtreibenden, glückseligen Nächte, wie sie alle paar Monate oder Jahre aus dem Pfuhl der sich unspektakulär wiederholenden Abende herauszuragen belieben. Solche Nächte gibt es! Plötzlich, wie aus dem Nichts, schwingt sich eine einzelne dieser Partys hoch zu einer göttlichen Nacht, durchwoben von einer Intensität, einer besonders fesselnden Atmosphäre; und die Magie der Euphorie scheint sich wie gleißende Energiebögen von einem zum anderen zu spannen.
Nun gut - diese Nacht, davon ich heute berichte, gehörte nicht zu diesen Sternstunden: es war eine ganz normale, nicht besonders aufrüttelnde Nacht, und dazu kam, dass ich vom Abend zuvor (durch die Beschäftigung mit Fläschchen, die nur so auf ihr Leerwerden zu warten schienen) noch etwas angeschlagen in den Seilen hing, mit anderen Worten: ich war entfernt von jeglicher Top-Form, saß in irgendeiner Ecke, schaute dem Trubel zu und ertappte mich schließlich beim herzzerreißenden Gähnen. Und also kam ich ins Nachdenken, wie's leicht geschehen kann, wenn man selber in einer eher passiven Rolle abhängt.
Stylisches Volk füllte die Räume, schritt gemessenen Schrittes durch den Eingangsbereich, cool bis in die Fingerspitzen, mit einem im glänzenden Auge blitzenden Ausdruck echter Lässigkeit: unnahbar, jung, strotzend vor Coolnesspower: so kamen sie mir vor. Doch kaum hatte sich ein Grüppchen zusammengefunden, das ganz offensichtlich cliquengleich zueinander gehörte, hörte ich sie alle giggeln, quatschen, johlen, Zoten reißen. Und ich erinnerte mich an früher. So war es auch bei uns gewesen, so war es immer gewesen! Nach außen hin waren wir hart, unnahbar, unübertrefflich kühl gewesen, gestylt, abweisend, fast arrogant - doch hatte sich erst einmal unser Kreis gefunden, barsten wir über vor fröhlichen, albernen, zynischen Sprüchen; wir tranken, wir lachten, waren quasselstrippengleich unterwegs... War das eigentlich ein beunruhigendes Phänomen? Hatten wir nach außen hin gar etwas vorgeschoben, was wir im Innern womöglich nicht wirklich waren?
Aber schnell beruhigte ich mich: Was war denn schlimm daran? Unsere Coolness war keine Verkleidung oder Vortäuschung nicht gegebener Umstände gewesen, natürlich nicht! Sie war genau dasjenige, in dem wir in jenen Augenblicken aufgingen, was wir im Innern empfanden, nach außen kehren wollten! Dass wir zehn Minuten später, unter uns, sozusagen, eine andere Seite von uns offenbarten, das konnte man uns schwerlich anlasten; und genauso wenig lastete ich es den jungen Leuten an, die eben ultracool durch die Tür stolziert gekommen waren und nun gackernd durcheinander brabbelten. Was wäre denn die Alternative gewesen? Still im Kreis zu hocken - und den ganzen Abend einander ins Gesicht zu schweigen? Klingt langweilig. Ich musste gähnen.
Dies war der erste Gedankengang.
[...]

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N° 54 Wie seid ihr eigentlich in die Indie-Szene gekommen? (Auszug)

Abgesehen vom ungewollten Stolperer in der Satzmitte ist das eigentlich eine interessante Frage. Auf einem der großen Finster-Festivals befand ich mich und sah Massen von Schwarzgekleideten um mich herum. Es schien, als ob die Welt nur noch aus Indie-Menschen bestünde. Ihnen allen gemeinsam war... ja was, eigentlich? So, äußerlich, zum Beispiel? Es war übrigens nicht ausschließlich oder vorrangig die Farbe ihrer Gewandungen, fällt mir da ein. Es waren gar nicht alle Anwesenden in Schwarz gekleidet, dieses Phänomen verband höchstens 94,2 % aller Versammelten, ich glaube sogar weniger. Die Schwarze Szene ist, so rein optisch, bunter denn je zuvor: Einige offenbarten deutlich andersfarbige Outfit-Vorlieben, etwa was Geringeltes, oder sogar Weiß, und vor allem Grün sah man öfter als in vorhergehenden Dekaden, jedoch auch... aber das spielt ja jetzt keine Rolle! Es gab Variationsreichtum - das muss für den Augenblick genügen. Und wieder fragte ich mich: was also verbindet all diese Zahllosen, hm? Und was brachte sie auf den langen Weg, der sie letztendlich hierhin führte? Also wagte ich einen nächsten intensiven Block in die weite Runde.
Ich sah, augenscheinlich öfter als vor einigen Jahren, hochtoupierte Haare und schwarzgeschminkte Lippen, und ich sah extraordinäre Corsages, sowie vampirhafte Umhänge oder auch herrliche Schwarze-Rächer-Mäntel; T-Shirts mit nicht alltäglichen Emblemen, und auch solche mit eher alltäglichen, Gruppennamen etwa oder so; ich bewunderte lange Handschuhe, genauso wie abgeschnittene; es gab sogar Menschen ganz ohne Handschuhe!
Aber das war noch nicht alles.
[...]

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N° 53 Zerrissenheit. Fahrigkeit. Rastlosigkeit: Der Verleger (Auszug)

[...]
Denn es trifft sich, dass wir eine Welt erschaffen haben, in der das schnelllebige, unnützes Zeug plappernde, glitzernde, in unentwegter Nervigkeit bebende Rummelplatzgetöse einer hektischen Flimmer-Quatsch-Medien-Zirkuskulisse voller Aufgesetztheit, Unechtheit, Hektik und Dummbrotattitüden die Oberhand gewonnen hat. Die ununterbrochen quasselnde, krakeelende, marktschreierische Propaganda eines dullen Medienoverkills. Das nervtötende Brimborium der hohlen, aber ewig zappelnden, labernden Scheinwelt der Dumpfen Unterhaltung, der armseligen Übertünchung unserer eigenen, ewig nörgelnden, nach Neuem lechzenden Langeweile. Ja. Und diese Dämonen, die wir gerufen haben, sitzen inzwischen in unseren Köpfen, machen uns fahrig und unruhig sein, lassen uns ringsherum, aber auch rundherum torkeln, wollen uns zerfetzen... Aber wie schon nahe gelegt: Lasst sie uns als unseren Test ansehen. Ob wir den von uns selbst geschaffenen Anfechtungen noch zu widerstehen vermögen. Uns in Gleichmut und Geduld noch einmal ertüchtigen können. Unsere innere Stärke wieder finden, endlich Stille erfahren können.
Tja. Das ist meine Theorie. Sie wird doch wohl nicht aus den Fingern gesaugt sein? Nur weil ich wieder meinen Schlüssel verlegt habe?
[...]

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N° 52 Zenith Is Decline

Heute soll es an dieser Stelle zu einem kleinen Exkurs kommen. Beim nächsten Mal berichte ich, wie ursprünglich geplant, über die Zermürbung der Fahrigkeit, Zerrissenheit, namentlich jene, welche die Menschen fahrig und zerrissen macht. Es traf sich aber nun, dass uns in letzter Minute das demnächst erscheinende Album "Zenith Is Decline" eines gewissen Myk Jung erreichte (der rein zufällig mit mir Namensgleichheit teilt) - und ich gebeten wurde, etwas darüber verlautbaren zu lassen. Ein wenig fahrig ob meiner mentalen Zerrissenheit, die ja eigentlich Thema sein sollte, recherchierte ich zaghaft, was sich als nicht ganz einfach erwies, da dieser M.J. allem Anschein nach nicht ohne Probleme an die Strippe zu bekommen ist, sich gern hinter Pseudonymen und anderen Identitäten versteckt, vornehmlich in der dritten Person von sich selbst spricht, für Interviews nicht zur Verfügung steht, mit anderen Worten: alle Anzeichen von schwerwiegenden Macken aufweist... sei's drum:
Wer ein wenig mit dem künstlerischen Umfeld und der durchaus von Krach mitgestalteten, wenn nicht sogar missgestalteten Herkunft dieses Musikers vertraut ist, wird bei obiger Ankündigung womöglich eine Industrial Rock-Scheibe oder ähnliches erwarten, jedenfalls ordentliches Gepolter. Überraschenderweise ist dem jedoch gar nicht so, denn wie sich herausstellt, handelt es sich bei "Zenith Is Decline" um eine Sammlung von Balladen, und das war nicht unbedingt erwartbar. Tieftraurige Gesänge, Akustikgitarren, Piano, Streicher - alles sehr zurückhaltend: wie ein düster-melancholisches Gemälde, aus dessen Rahmen Aggression, Zorn und Gewalttätigkeit offenbar zum Herausfallen verdonnert waren.
Statt Krachsamples und Verzerrer auf den Vocals transportieren die Songs etwas Verletzliches, eine Art introvertierten Weltschmerz - und da fragt man sich doch automatisch: Wieso? Oder auch: Wie kommt's? Ich persönlich nehme an, diese unerwartete Kehrtwende rührt haargenau von der musikalischen Herkunft des Industrialhalunken her: Nach all den Jahren hat er schlichtweg die Schnauze voll vom Krach, argwöhnt der Hörer. Ich befürchte sogar, er hat von allem die Schnauze voll; aber das ist ja jetzt wirklich nur eine Mutmaßung. Auf der altertümlich gestylten CD herrscht Tristesse und unstillbares Weh, Hoffnungslosigkeit lauert hinter allen Horizonten, jegliches Frohlocken (und darüberhinaus einfach alles) verweht immerzu. Verwirrt hänge ich zwischen den Boxen. Nun trifft es sich, dass ich mich erinnere, jenen Myk schon des öfteren über die allgegenwärtige Vergänglichkeit lamentieren gehört zu haben: dass er leide unter dem Verschwinden des Augenblicks und seiner Unwiederbringlichkeit, unter der Flüchtigkeit des Glücks undsofort... und siehe! Ganz deutlich, wenn nicht sogar aufdringlich, hat er sich auf diesem Werk fast ausschließlich jenen morbiden Themen zugewandt! Das Schwinden hingegen sei es doch gerade, was jeden Moment des Lebens so kostbar, nämlich einzigartig mache, mögen die Philosophen einwenden: doch in den Augen des Künstlers scheinen solcherlei Einwände vor allem jammervolle Beschwichtigungen darzustellen; und dass der Strom der Zeit ewig allein in eine Richtung fließt und keine Wiederkehr kennt, bereitet dem Armen großes Leiden. Der erbarmungslose Trudel der Zeit - undsoweiterundsofort. Man ist versucht einzuwenden, dass derartige Klagelieder vor allem die Sorgen eines Menschen widerspiegeln, der sonst keine Sorgen hat. Zögerlich wird der Künstler dem wahrscheinlich zustimmen - und gestehen, dass auch in seinen Augen die Pein, die wir um anderer willen empfinden, den hehreren und edleren Schmerz darstellt, nämlich den selbstlosen. Altruismus. Der Antrieb, die Welt zu retten; zu leiden angesichts der Not anderer, und der Entschluss, diese wie auch immer zu bekämpfen, mögen in der Tat erhabenere Anliegen sein. Und doch ist ein Songzyklus, der sich dem Grau widmet, in das wir hinübertreten werden, in dem wir uns jetzt schon befinden in unserem unsäglichen Dahinwehen, an sich ja nichts Verwerfliches; und es ist erfreulich, dass der darbende Künstler nicht nur fruchtlos lamentiert, sondern seine uferlose Verzagtheit vehement in musikalische Formen gießt und dergestalt aus dem Leid ein Gebilde macht, daran sich andere in wehem Schauder weiden mögen. In der Tat bekommt man auf "Zenith Is Decline" einige absonderlich-gelungene Edelschnulzen zu hören, die mich vermuten machen, dass es dem Künstler vor allem darum ging, den Hörer zu erschrockenem Stillhalten zu bewegen, und danach zum Weinen. Kostproben gefällig? "In hilflosen Gesten fuchteln wir, um doch nur Leere zu erhaschen"; oder: "Der Schmerz, sie zu sehen, schien wie ein göttlicher Splitter"; oder: "Allein wandeln wir, nacheinander und ein jeder für sich; immerwährend vorwärts, um niemals zurückzukehren." Eigentlich nicht übel. Edler Kitsch hat ja auch was.
Wenn man allerdings einige andere Schriften des werten Herrn M.J. in Augenschein nimmt, stößt man auf eigenartige, verdächtige Formulieren, die uns Tiefschürfende auf noch weitere Fährten bringen: so zum Beispiel lässt er sich in einem Underground-Magazin darüber aus, dass in den Fluten der ungezählten Veröffentlichungen unserer Tage viel Wunderbares hinunterpoltert in den Schlund (in den des Vergessens, selbstverständlich) - und dass selbst Platten, die für einen historischen Augenblick gefeiert werden, alsbald aus den Köpfen aller trudeln... Hatte er unter Umständen im Sinn, etwas dem Zeitenwandel sich Entziehendes zu entwerfen? Ewiges, sozusagen? Denn was ist zeitloser als wehmütige Piano-Balladen, hm? Womöglich suchte er sein eigenes "Imagine" zu entwerfen? Es könnte was dran sein an diesen Gerüchten; obgleich ein solches Unterfangen, wie jedermann zugeben wird, ein einigermaßen hochtrabendes Ziel darstellt.
Im übrigen ist mir mittels akribischer Recherchen zu Ohren gekommen, dass Myk Jung lange mit sich gerungen hat, das Album tatsächlich unter seinem Namen zu veröffentlichen - nicht, angeblich, um sich später solchermaßen leichter von dem Werk distanzieren zu können - sondern weil er, in ewigem Selbstzweifel verheddert, dem er offenbar verfallen ist, glaubte, eine derartige Hervorhebung der eigenen Person würde dem Entstehungsprozess der Balladensammlung nicht vollends gerecht werden: zwar schrieb er die Songs, manche von ihnen gar in der Tiefe der Zeit, hingegen bleibt festzuhalten, dass zum Beispiel die feingliedrigen Piano-Passagen mitnichten aus seiner eigenen Hand stammen: er scharte befreundete Musiker um sich, ohne deren Hilfe die Balladen-Arrangements allenfalls aus schnarrenden Akustikgitarren bestönden, sorry, beständen. Ein Blick aufs Cover legt nahe, aus diesem Kreis versierter Musiker vielleicht hervorzuheben jenen Pianisten Tobi, wie auch die Arrangiermeister Ramon Creutzer und Krischan Wesenberg, den Gitarristen Lawrence, die Sängerin Miss Bliss, und - least not last - Myks zehnjährige Tochter Allegra, die nicht nur zwei Songs des Zyklus souverän singt, sondern darüberhinaus die Melodiebögen dieser zwei Perlen selber entworfen hat; und das schon in einem Alter, da sie längst noch keine zehn war, sondern viel jünger, nämlich neun!
Gerüchten, dass M.J. nicht nur an Krach-Überdruss zu leiden habe, stattdessen gar einer Art genereller Müdigkeit, wenn nicht gar Lebensmüdigkeit anheim gefallen sei, bin ich aus Gründen der Pietät nicht weiter nachgegangen; festzuhalten bleibt indes, dass er tatsächlich vor kurzem in einem Interview erwähnte, in letzter Zeit nicht selten von dunklen Depressionen heimgesucht zu sein - was uns wiederum mutmaßen macht, dass die Arbeit an Balladen demzufolge eher als eine Therapie gegen den Schwermut zu interpretieren wäre. Fraglich allerdings bleibt, ob der Künstler hinsichtlich eines etwaigen Selbstversuches zum richtigen Genre gegriffen hat: Vielleicht wird er ja durch das Entwerfen maroder Moritaten noch trauriger?
Während des Stöberns in verstaubten Archiven indes stieß ich dann noch auf einen weiteren Hinweis, der erklären könnte, weshalb möglicherweise sich der Ex-Schreihals von seinem ureigenen Terrain (zumindest für eine zeitlang) verabschiedet hat: offenbar nämlich gehört M.J. zu jener Sorte von Musikern, die nach eigenem Bekunden ihre früheren Machwerke nie mehr durchzuhören pflegen, dabei jedoch für ihre selbstauferlegte Abstinenz keine rechte Erklärung finden... was mich zu der Vermutung treibt, dass er der Hoffnung erlegen ist, mit "Zenith Is Decline" diese nervige Gesetzmäßigkeit zu durchbrechen. Es drängt sich schlicht der Verdacht auf, dass er diesen Balladenkatalog lediglich aufnahm, um endlich eine Platte gemacht zu haben, die er selber zwischendurch mal hört. Nun denn, das wäre ein durchaus nachvollziehbarer Wunsch. Wär' ich eher drauf gekommen, hätte ich nicht so viel heruminterpretieren müssen. Wahrscheinlich liegt's an der Fahrigkeit, die mich so unkonzentriert macht. Inzwischen nämlich hab' ich nämlich festgestellt, dass ich auch schon in der dritten Person über mich selbst spreche.

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N° 51 Gothics on the beach (Auszug)

[...]Doch schon krochen die Selbstzweifel zurück. Wieso eigentlich nicht? Fürs Gothic-Magazin Kolumnen schreiben und nicht im Sarg schlafen - geht das überhaupt? Und dass ich es hier in der Öffentlichkeit gerade zugegeben habe: etwa nicht ein unverzeihlicher Fehler? Ich könnte ja wenigstens schreiben, dass ich in einem Sarg zu nächtigen pflege... Und jetzt, zu allem Überfluss, schossen mir Visionen aus dem letzten Sommer vor's geistige Auge: wie ich am Strand gelegen hatte, zufrieden "I'm a devil on the beach" vor mich hinsummend, bevor ich, schon damals, die ersten Schatten über meine Selbstzufriedenheit sich senken gefühlt hatte. Obzwar ich nämlich mit einer trefflichen schwarzen Badehose ausgestattet war, mich, gemeinsam mit einer atemberaubenden neugotischen Frau, auf einem riesigen schwarzen Strandtuch räkelte, bemerkten wir schon damals die nun wiederentdeckten Defizite: die kleineren Handtücher waren dunkelrot und grau; das Sonnenölfläschchen gar von quietschendem Gelborange! Wir tranken Bier aus grünen Dosen - und unsere Laune wurde dadurch in fast unerträglicher Weise, geradezu unbotmäßig und unangemessen gut - ja, wir pfiffen alberne Melodien vor uns hin! All die Dinge, derer wir entbehrten, derer der gemeine Gruftie an sich entbehrt, kamen uns in den Sinn: schwarze Sonnencremes in schwarzen Tiegeln, die über mindestens Sonnenschutzfaktor 64 verfügen, damit der edle bleiche Teint nicht verloren geht; barock-samtene Strandkissen; Windschutzsegel mit edlen Totenkopfstickereien; anstelle von schnödem Bier hätte uns ein dunkles Gebräu zur Hand sein müssen, das wir aus mittelalterlichen Kelchen hätten schlürfen sollen, und dessen Genuss mitnichten das Gemüt aufhellt, sondern es im Gegenteil in düsterste Seelenverhärmung hinabschickt, mit anderen Worten: nichts als uferlose Mentalverfinsterung nach sich zieht!
[...]

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