Dat Pferd fährt

Mein Pferd fährt. Aber es fährt verkehrt. Egal, wohin es fährt, es fährt verkehrt. Egal, was es fährt, das Pferd fährt verkehrt.
»Pferd!« rufe ich. »Fahr doch nicht immer verkehrt!«
Doch das Pferd hört nicht.
Als wir in England waren, fuhr es immer rechts.
»Pferd!« rief ich. »Fahr links!« Und es bog ab. Es war brenzlig.
Jetzt fährt es dauernd links. Aber wir sind nicht mehr in England.
»Pferd!« ruf’ ich. »Fahr rechts!« Und es biegt ab. Das ist gefährlich.
Ich sitz’ immer hinten im Auto. Aber sicherer fühl ich mich dadurch auch nicht.

Auf dem Fahrrad sitzt das Pferd immer verkehrt herum im Sattel. Es hält das Hinterrad für das Vorderrad.
»Pferd!« rufe ich. »Wieso bist du so dumm?«
Es soll auf die Räder schauen, sag ich ihm. »Vorne! Hinten!« zeige ich dem Pferd und tippe mit dem Finger in Richtung der Räder, als wäre das Pferd ein Kleinkind. Das Pferd aber sagt, die Räder sähen sich doch unheimlich ähnlich.
»Wenn sie sich so ähnlich sehen«, rufe ich, »dann könntest du’s ja auch zwischendurch mal andersherum ausprobieren!«
Mir kommt das schlau vor. Wenn das Pferd es genau so tun würde, wie ich’s ihm vorschlage, dann säße es wenigstens auf der Hälfte seiner Fahrradfahrten richtig herum im Sattel.
»Andersherum wird mir schlecht«, sagt das Pferd.
»Okay, dann nehmen wir wieder das Auto!« lenke ich ein.
Aber das Pferd steigt um aufs Kettcar.
»Nicht das Kettcar!« rufe ich; aber es ist zu spät. Mit dem Kettcar fährt das Pferd immer auf die Autobahn. Ansonsten fährt es nicht oft Autobahn. Mit dem Kettcar immer.
Ich springe hinten drauf auf das Kettcar. Ich kann das Pferd nicht allein fahren lassen. Wir fahren mit dem Kettcar von Essen nach Recklinghausen. A 40. A 43. Die ganze Zeit auf der linken Spur. Unsere Durchschnittsgeschwindigkeit beträgt sieben Stundenkilometer.
Ich wundere mich über die Polizei. Sie taucht nie auf, wenn ich mit dem Pferd unterwegs bin. In England war das auch schon so.
Wir fahren die ganze Strecke nach Recklinghausen, und hinter uns entsteht ein Zwanzig-Kilometer-Stau. Die Polizei kommt nicht. Sie kommt nie.

Früher, in den Achtzigern, wurde ich jede Nacht angehalten. Und ich musste immer zweimal ins Röhrchen pusten, wenn ich 0,79 Promille hatte. Ich hatte andauernd 0,79 Promille. Es war ja damals eine viel liberalere Welt als heutzutage, da passierte einem sowas. Man durfte auch überall rauchen. Und wenn ich mal wieder 0,79 Promille hatte, guckten die Beamten streng.
»Da müssen Sie jetzt noch ein bisschen im Auto warten«, sagten sie dann zu mir und guckten in mein Auto. »Und gleich müssen Sie nochmal pusten. Falls Sie gerade eben erst in der Kneipe noch Ihr letztes Stauder Pils vor dem Aufbruch runtergegurgelt haben«, sagten die Beamten zu mir, »dann steigt Ihr Alkoholwert jetzt gleich noch. Das müssen wir überprüfen. Sie müssen gleich nochmal pusten.«
Dann gingen die Beamten immer zu ihrem Polizeiauto, und ich blieb in meinem Auto sitzen und dachte bang daran, wie ich mein letztes Stauder Pils gerade eben noch in der Kneipe beim Aufbruch schnell/in Windeseile runtergegurgelt hatte, und die Bierreste von meinen Freunden obendrein. Ich ließ nicht gern halbvolle Gläser in Kneipen zurück.
Irgendwann kamen dann die Beamten wieder zu meinem Auto und ließen mich nochmal pusten. Es gab angeblich Tricks, wie man das Gerät austricksen konnte – durch ganz besonderes Pusten oder zwischendurch Luftanhalten oder Schlucken oder Heftigpusten oder nur ganz sacht Pusten oder kaum Pusten oder Querpusten oder Schrägpusten oder mit Pausen im Pusten: und dann würde das Gerät weniger Promille anzeigen als man in Wirklichkeit hätte – solche Tipps bekam man von falschen Freunden. Aber immer wenn ich im Auto saß und pusten musste, hatte ich vergessen, wie der Trick genau ging. Und außerdem hätte ich ihn sowieso versemmelt, das weiß ich. Ich war noch nie gut in handwerklichen Dingen. Und dann pustete ich also, wie mir gerade einfiel zu pusten, und dann nahmen die Beamten das Gerät, und dann starrten sie drauf, und dann rutschte mir das Herz in die Hose, und dann guckten die Beamten mich an, und dann sagten Sie: »OK. Is’ gut. Fahren Sie vorsichtig! Ganz nüchtern sind Sie ja nicht mehr.«

So war das damals. Wenigstens tauchte die Polizei da noch auf. Jede Nacht. Aber wenn das Pferd mit mir hinten drauf aufm Kettcar nach Recklinghausen fährt, dann taucht nie die Bullerei auf. So ist es auch schon auf der Fahrt nach Osnabrück gewesen. Besonders überrascht war ich, als wir nach Berlin fuhren. Mit dem Kettcar über die A 2. Nach drei Wochen kamen wir an. Es war hinter uns so viel Stau gewesen wir noch nie in Deutschland. Wir waren nicht einmal angehalten worden.
»Nächstes Mal sollten wir doch lieber das Auto nehmen!« sagte ich damals.
»Mit dem Auto fahr ich doch immer Geisterfahrer«, sagte das Pferd.
»Wieso eigentlich nicht mit dem Kettcar?« fragte ich mich, und dann rief ich: »Das machst du doch alles mit Absicht, Pferd!«
Mein Pferd fährt verkehrt. Immer. Und womöglich mit Absicht!

»Pferd!« sage ich. »So geht das nicht weiter! Du musst damit aufhören, immer verkehrt zu fahren!«
Das Pferd nickt und sagt: »Besser wär’ das. Ich hab nämlich keinen Führerschein.«
Ich falle vor Schreck hintenüber. »Pferd!« ruf’ ich. »Wieso hast du keinen Führerschein?«
»Bin durchgefallen«, sagt das Pferd und steigt aufs Kettcar.

© Myk Jung