Dreimeterbrett

Als ich klein war, stand ich auf dem Dreimeterbrett.
Ich stand übrigens nicht immer auf dem Dreimeterbrett,
solange ich klein war, eigentlich sogar ziemlich selten. Überhaupt stand ich da nur einmal. Es war im September 1973, und die Welt hatte gerade erst damit aufgehört, schwarz-weiß zu sein. Das wird sogar heute noch durch Photos belegt! Vor 1973 war alles schwarz-weiß gewesen. Erst zu ziemlich genau jenem Zeitpunkt entstanden Photos, auf denen Farben dokumentiert wurden. Unter denen dann allerdings eindeutig Orange dominierte.
Die Farbe Orange war offenbar als allerletzte in den frühen Siebzigern erfunden worden, anders kann ich mir ihre Dominanz in jener Ära kaum erklären, in der sich nun die ganze Welt auf das offenbar Neuerfundene stürzte. Die holländische Fußballnationalmannschaft, die ersten Golfs, die ersten Passats, die Mützchen und Mäntelchen der I-Dötzchen: Alles war in Orange.
Ich aber, damals, als ich auf dem Dreimeterbrett stand, war kein I-Dötzchen mehr! Und eigentlich war ich auch nicht mehr wirklich klein, ich war schon neun Jahre und fast drei Monate, um mal annähernd genau präzise zu sein. Und ich hatte sogar schon eine Freundin! Es war, um ziemlich exakt zu bleiben, eine halbe Freundin. Was zugegebenermaßen vielerlei bedeuten könnte: zum Beispiel dass ich noch eine zweite Freundin gehabt hätte und deswegen meine Zeit halbieren musste (…) in anderer Erklärungsansatz wäre, dass meiner Freundin womöglich etliche Körperteile gefehlt hätten. (…)
Im Übrigen ist es gar nicht so erstaunlich, dass ich solch Beziehungsdurcheinander, solch sexuelle Verwirrung, wie gerade beschrieben, schon im vierten Schuljahr, schon im September 1973, schon im Alter von neun Jahren und drei Monaten, durchleben musste! Denn: Es waren die frühen siebziger Jahre! Und der von den 68ern losgetretene Abschied von bisherigen Konventionen, welcher sich manifestierte in: freier Liebe, Uschi Obermaier, Kommune I, Uschi Obermaier, Flower Power, Schulmädchen-Report-
Filmen, Uschi Obermaier und all solchem Gedöns: war ja damals noch brandaktuell! Und obendrein oberpeinlich!(Bis auf Uschi Obermaier.) Nicht nur im Rückblick. (…)
Man muss sich das mal vorstellen! Langkotelletige, hornbrillige Reporter laufen durch die Innenstädte, in denen gerade alles auf Porno-Orange neugestlyt wird, halten den Passanten das Mikrophon unter die Nase und fragen: »Orgasmus – finden Sie das gut?«, und man ist dazu verdonnert, »Ja klar« zu sagen, und zu der Nachfrage: »Auch durch Masturbation?« ebenfalls »Ja« zu sagen, nur um modern zu wirken und nicht wie ein graues Fossil aus den schwarz-weißen Zeitaltern.
(...)

© Myk Jung

aus »Ich bin dann mal tot«
ISBN 978-3-936819-45-8
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