Im Land der Blauen Regenwürmer

»Erzähl uns ein Märchen, Großmütterchen!« riefen die beiden Kinder. Die Oma seufzte, dann hub sie an zu erzählen:
»Es war einmal im Land der Blauen Regenwürmer«, so begann die alte Frau – doch die Enkel riefen: »Nein, nicht so eine doofe Geschichte, Oma!«
Die Oma stutzte auf. »Wieso nehmt ihr an, das Märchen wäre doof?« fragte sie verblüfft.
»Weil es doch gar keine blauen Regenwürmer gibt, Großmütterchen!« rief Falco entschieden. »Von solch eskapistischem Gedöns wollen wir nichts hören!«
»Aber… was wollt ihr denn hören?«
»Erzähl uns doch lieber darüber, wie einst ein ganzes Königreich einen Superstar suchte!« rief Falco und klatschte so, wie er gern vor dem Fernseher klatschte: nämlich dämlich.
»Oder wie ein kluger Alchemist Twitter erfand!« ergänzte Famina, die ein bisschen dünn war.
»Schön wäre es auch, wenn ein Captain YouTube auftauchte!« meinte Falco.

Oh Weh, die Kinder quengelten gar zu sehr! So seufzend hub das Großmütterchen ein weiteres Mal an: »Nun gut – ihr mögt es kaum glauben, aber all die von euch erwünschten Gestalten tauchen tatsächlich in meinem Märchen auf! Ihr müsst nur gut zuhorchen und schön still sein!«
»Au ja!« Nun klatschten beide Kinder in die Hände.
»Das Klatschen wird euch noch vergehen«, dachte das Großmütterchen grimm. Und sie begann zu erzählen:

»Es war einmal, jenseits des fürchterlichen Landes der schrecklichen YouTjuben, und weit östlich jenes Königreiches, wo alle Verwirrten Menschen unentwegt einen Superstar suchten, der sich immerzu, kaum dass er gefunden ward, als armes Söckchen herausstellte, und hinter einer Hügelkette, in der der finstere Alchemist Twitty-Twisty sein Verdummungs-Unwesen trieb… das Land der Blauen Regenwürmer…«

»Waren die Regenwürmer wirklich blau?« unterbrach töricht der kleine Falco.
»Von morgens bis abends, kleiner Falco!« erklärte die Großmutter. »Sie konnten nämlich gar nicht den süß-gegorenen Nektar vertragen, von dem sie sich ernährten Tag und Nacht! Und so traf es sich, dass sie sich fortwährend verkehrt herum kringelten, und sie sahen alles doppelt und verschwommen und lallten groben Unfug…«
»Ach?« meinte Famina.
»Ja, mein Kind«, sprach ernst die Großmutter und fuhr fort: »Die Regenwürmer also waren besoffen bei Tag und bei Nacht. Doch eines Tages, es war ein Donnerstag, da ringelte sich der Wurm-Premierminister vor den klebrigen Thron des Königs der Blauen Regenwürmer, und er machte ein ernstes Gesicht. Es war noch frühmorgens, doch schon wollte sich der König der Regenwürmer gerade ein riesigen, vergoldeten Kelch voll des schweren Nektars gönnen; da rief der Premierminister: ›Haltet ein, oh König! Labt euch nicht an diesem unseligen Trunke!‹
›Hä? Wieso nich‹?‹ rief der König.
›Dies‹ Gesöff richtet unsere Welt zugrunde!‹ rief der Premierminister. ›All Eure Untertanen, o Majestät, sind immer nur noch blau von morgens bis abends!‹
›Ja, und?‹
›Und so kriegen sie nichts mehr gebacken!‹ warnte der Minister. ›Ihre Schaffensfreude siecht dahin in dümpelnder Duseligkeit, und unser Reich, blühend es gewesen sein mag, versumpft zusehend im Abwärtsstrudel: denn siehe! Die Wurmbevölkerung verlottert immer mehr und fährt gar nicht mehr das Bruttoinlandprodukt ein, welches einstmals den hohen Standard unseres Regenwurm-Landes gewährleistete!‹
›Nein!‹ rief der Regenwurmkönig.
›Doch!‹ rief der Regenwurmminister.
›Das ist ja ganz schlimm!‹ rief der König.
›Sag‹ ich doch!‹ rief der Minister.
›Was mach ich denn jetzt bloß zur Beruhigung?‹ fragte der König und beugte sich seinem Trunkgefäß entgegen.
›Bitte nicht das, was ich befürchte!‹ rief erschreckt der Premierminister. Doch es war zu spät – in einer Eile, die sehr gut seine Aufregung präsentierte, leerte der Wurm-König seinen riesigen Nektarbecher in einem einzigen gewaltigen Zug. Daraufhin rülpste der Regenwurmherrscher laut und ächzte: »Schon viel besser! Gäzz sollet ma kommen, dat fiese Inlandprojekt! Mir machtet ett nix!«
Und mit hängenden Schultern, ohne Hoffnung, verließ der Premierminister das Throngemach…«

»Regenwürmer, die Gegorenes trinken?« unterbrach Falco die arme Oma, und er schaute entrüstet. »Oma, liebes Großmütterchen! Sowas is‹ doch wirklich Kokolores!«
»Und Regenwürmer, die einen König haben und auch einen Thron, und Schultern, die hängen?« rief Famina, »Ich bitte dich, Großmütterchen, Oma, das klingt doch absurd!«
»Und womit heben sie überhaupt ihre Becherchen?« fragte Falco. »Regenwürmer haben doch gar keine Hände!«
»Nun, liebe Kinder, die Bildhaftigkeit der Fabel ist eine Allegorie…«, begann die Großmutter. Doch schon bollerte es an die Tür des Kinderzimmers, und sie ward aufgerissen.
»Ey Omma!« rief der torkelnde Vater und verschüttete sein Bier. »Jetzt lass die Kinder YouTube gucken!«
»Ey, Vadder!« rief die Mutter ausm Wohnzimmer und kotzte auf den Teppich. »Der Schnaps is‹ doch im Kühlschrank – watt willsse bei den Kindern?«

Im Land der Blauen Regenwürmer…
erzählen Omis Märchen.
Die sind von leiser Metaphorik
Es sträuben sich die Härchen.

© Myk Jung